Die Redewendung „Walk a mile in my shoes“ steht für Perspektivenwechsel: Man versteht die Lebensrealität eines anderen Menschen erst dann wirklich, wenn man ein Stück in seinen Schuhen geht. Genau darum geht es in unserem Forschungsprojekt!
Walk a mile in my shoes: Barrierefreiheit neu denken
Digitale Barrierefreiheit ist heute kein neues Thema mehr. Es gibt Guidelines, Standards und Tools, die Entwickler:innen dabei unterstützen, barrierefreie Anwendungen zu bauen. Und trotzdem bleiben viele digitale Angebote für Menschen mit Behinderungen schwer zugänglich. Das liegt nicht daran, dass diese Standards unnötig wären. Im Gegenteil: Sie sind eine wichtige Grundlage. Aber sie allein reichen oft nicht aus.
Warum Checklisten wichtig – aber nicht ausreichend sind
Checklisten und Tools helfen dabei, typische Barrieren zu erkennen und zu vermeiden. Sie geben Orientierung und sind ein zentraler Bestandteil barrierefreier Entwicklung. Gleichzeitig haben sie eine klare Grenze: Sie zeigen, dass eine Barriere existiert. Aber sie erklären nicht, wie sie sich im Alltag auswirkt.
Ein fehlender Alt-Text ist aus technischer Sicht “nur ein Fehler”. Für eine Person, die auf Screenreader angewiesen ist, kann er aber bedeuten, dass Inhalte gar nicht erst zugänglich sind.
Eine unklare Navigation ist aus Entwicklersicht vielleicht ein kleines UX-Problem. Für andere wird sie schnell zu einer echten Hürde. Diese Unterschiede werden durch Checklisten allein oft nicht greifbar.
Unser Ansatz: Perspektiven verbinden
„Ich hatte nie realisiert, wie sehr Barrierefreiheit das Leben der Menschen beeinflusst. Es ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern eine Frage der Chancengleichheit.“
Konstantin Strümpf, Independo
Rückmeldungen wie jene von Konstantin zeigen: Verständnis für Barrierefreiheit entsteht oft nicht durch Guidelines – sondern durch Begegnung. Ein zentraler Grund dafür ist der fehlende direkte Austausch zwischen Entwickler:innen und Menschen mit Behinderungen. Ohne diesen Kontakt bleibt Barrierefreiheit für viele abstrakt und losgelöst von realen Nutzungssituationen.
Genau hier setzt unser Forschungsprojekt „Walk a mile in my shoes – Perspektivenwechsel: Barrierefreiheit neu denken“ an.
Wir kombinieren technische Ansätze mit erfahrungsbasiertem Lernen. Im Zentrum stehen Begegnungen: Entwickler:innen begleiten Menschen mit Behinderungen im Alltag und Menschen mit Behinderungen begleiten Entwickler:innen im Arbeitskontext.
So entsteht ein Verständnis dafür, wie digitale Produkte tatsächlich genutzt werden – und wo Barrieren im Alltag entstehen.
Die Erkenntnisse werden systematisch ausgewertet und in ein Toolkit überführt, das technisches Wissen mit realen Perspektiven verbindet.
Von der Umsetzung zum Verständnis
Unser Ziel ist kein Ersatz für bestehende Standards. Im Gegenteil, sie bleiben ein wichtiger Bestandteil barrierefreier Entwicklung. Aber wir wollen sie erweitern – um etwas, das bisher oft fehlt: Ein tieferes Verständnis für die Auswirkungen digitaler Barrieren und eine stärkere Verbindung zwischen technischer Umsetzung und gesellschaftlicher Verantwortung
Denn erst wenn beides zusammenkommt, entsteht wirklich inklusive Software.
Der Perspektivenwechsel beginnt im Prozess
Barrierefreiheit entsteht nicht nur durch richtige Entscheidungen im Code. Sondern durch die Art und Weise, wie wir entwickeln.
Wer wird einbezogen?
Wessen Perspektiven werden gehört?
Und wie verstehen wir die Auswirkungen unserer Entscheidungen?
Genau hier setzt unser Projekt an – und genau hier beginnt der Perspektivenwechsel.